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In der Krise wiedervereint

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Eine Multimediareportage von Stephan Loichinger, Daniel Moßbrucker und Julian Herbst

Zum Anschauen brauchen Sie 25 bis 30 Minuten und benutzen am besten einen Firefox- oder Chrome-Browser

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Die Straße der deutschen Einheit im thüringischen Großburschla: Solange es die DDR gab, endete sie an beiden Seiten an der zunehmend strenger bewachten Grenze zur Bundesrepublik Deutschland. Das Dorf lag bereits in der Sperrzone und war fast vollständig vom kapitalistischen Feindgebiet umgeben.

Auch im hessischen Altenburschla und im benachbarten Heldra blickten die Menschen jahrzehntelang in drei Richtungen auf einen fast unüberwindbaren Zaun. Familien und Freunde waren getrennt.

Seit der Grenzöffnung im November 1989 sind die Dörfer zu einer Region zusammengewachsen. Zwar in der Mitte Deutschlands gelegen, kämpfen sie gegen dieselben Probleme der Peripherie: Wegzug junger Leute, Überalterung der Bevölkerung, Verlust von Arbeitsplätzen. Wo früher einzelnen bei Grenzübertritt der Tod drohte, sind heute ganze Orte in ihrem Überleben gefährdet.

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Altenburschla und Heldra liegen seit Jahrhunderten im Hessischen und gehören seit der Gebietsreform in den 1970er Jahren zur Kleinstadt Wanfried im Werra-Meißner-Kreis. Auf der anderen Seite ist Großburschla schon immer ein Teil von Thüringen,  heute auch von Treffurt im Wartburgkreis.

Die Grenze dazwischen war unsichtbar und überwindbar - bis die DDR den "Antikapitalistischen Schutzwall" hochzog. In Großburschla lebten die Menschen buchstäblich hinter Gittern, das kleine Altenburschla wurde zum Reiseziel für hunderttausende Grenztouristen.

Heute verläuft das Leben entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze so ruhig, wie die Werra zwischen Hessen und Thüringen dahinfließt. Nach dem Geschmack mancher Einheimischer zu ruhig - andere lieben die Gegend gerade dafür.

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Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhardt, Werner Jung vom Heimatverein Heldra, Gastronomin Elli Dingel aus Altenburschla und Manfred Heerwig aus Großburschla charakterisieren ihre Heimat.

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Zwischen Altenburschla und Großburschla gab es enge Bande. Jede zweite Familie im Osten hatte Verwandte im Westen. Zu DDR-Zeiten waren Besuche selten möglich - und dann auch nur außerhalb. Großburschla lag in der 500 Meter breiten Sperrzone hinter der Grenze, eingezwängt zwischen drei Meter hohen Zäunen. Betreten nur nach Genehmigung.

Die 1.300 Großburschlaer sahen sich außer den Metallgitterzäunen Wachtürmen, Wachhunden und 100 Grenzschutzbeamten gegenüber. Immerhin wurden die Selbstschussanlagen rund um das Dorf bald wieder abmontiert, weil das Hochwasser der Werra sie auslöste.

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Heimathistoriker Erhard Niklass zur Grenzanlage in Großburschla

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Keiner darf rein, keiner darf raus:
Erhard Niklass vom Wanfrieder Dokumentationszentrum zur deutschen Nachkriegsgeschichte beschreibt anhand eines Modells die Lage Großburschlas zu DDR-Zeiten.

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Flusssperren machten die Werra zum Teil der Grenzanlage. Nur der Aal konnte durch das enge Gitter hindurchschlüpfen. Drei Flusssperren standen zwischen Großburschla, Altenburschla und Heldra. Nur eine davon wurde nicht ganz abgerissen. An ihrem Geländer lehnt Anna-Maria Bockel, sechs Jahre nach der Grenzöffnung in Heldra geboren. Für sie ist es eine ganz normale Brücke.

Kurz bevor die Unterwasserzäune gebaut wurden, schwamm ein junger Mann aus Großburschla an das Ufer, das Freiheit versprach. Er hatte sich Mut angetrunken, entging den Augen des Wachpersonals und fand sich durchnässt in Altenburschla wieder. Seine zurückgebliebene Familie wurde in den Nordosten der DDR strafversetzt.

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Vorher/Nacher Ansicht

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Die DDR ließ sich ihre 1.400 Kilometer lange Grenze zur Bundesrepublik einiges kosten. Die Unterhaltskosten werden auf 1,5 bis 2 Millionen Mark geschätzt - pro Jahr und pro Kilometer. Insgesamt 50.000 Grenzschützer taten dort ihren Dienst.

In der Gegend um Alten- und Großburschla ist der Verlauf der früheren Grenze an vielen Stellen allenfalls an den niedrigeren Bäumen zu erkennen. Die Natur, so lange unterdrückt, hat die ehemalige Grenze vertilgt.

Die Vorher/Nachher-Ansicht verdeutlicht dies. Um nach der Anwendung zurück zur Geschichte zu kommen, klicken Sie auf das X rechts oben.

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Im Herbst 1989 fiel die Grenze trotz Dreifachzauns und Grenzer-Bataillons. Der Freiheitsdrang der DDR-Bürger brach sich Bahn - zwischen Großburschla und Heldra am 13. November gegen 16 Uhr.

Die Freunde und Verwandten von drüben wurden schon erwartet und herzlich begrüßt.

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Bagger rückten an, um die Grenzanlagen niederzureißen. Flugs ließen Bundesgrenzschützer und DDR-Grenzer gemeinsam die gesperrten Straßen wiederherstellen, damit die Menschen von Ost nach West und umgekehrt gelangen konnten. Der Grenzverkehr fand im November 1989 einen neuen Anfang.

Fast ganz Großburschla zog für eine erste Stippvisite in den Westen. Mit Blasmusik und Winterastern, wie gleich noch zu sehen sein wird.

Manchem war die plötzliche Freiheit nicht geheuer. Der Feinmechaniker Jochen Luhn berichtet, er habe sich erst langsam über die Öffnung Großburschlas freuen können. Verständlich nach dem langen Eingesperrtsein - für seinen 21-jährigen Sohn Johannes irgendwie unvorstellbar.

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Jochen und Johannes Luhn aus Großburschla über die Wendezeit

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Manfred Heerwig aus Großburschla über die Wendezeit

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Die Wende kam so plötzlich, dass nicht jeder Dorfbewohner seinen Alltag sofort der neuen Weltlage anpassen konnte.

Er habe Schweine zu schlachten gehabt, berichtet Rentner Manfred Heerwig, damals Fleischer. Keine Zeit für voreilige Schritte in die Freiheit. Vielleicht schwingt bei ihm dieselbe Angst vor Bestrafung mit wie bei Jochen Luhn.

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Auch die Menschen in Altenburschla und in Heldra wurden jahrzehntelang auf drei Seiten von Zäunen umgeben. Natürlich setzte eine Grenzverletzung sie nicht annähernd der Lebensgefahr aus wie ihre Nachbarn in Großburschla. Vielleicht erinnern sich die Zeitzeugen aus dem Westen deshalb spürbar sorgloser an die Wende.

Ihre Geschichten handeln nicht von Angst, sondern von den ersten Großburschlaern, die sich bereits am 9. November nach Altenburschla verirrten. Oder von Wanfrieder Lebensmittelhändlern, die mit Südfrüchten das Geschäft ihres Lebens machten.

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Werner Jung aus Heldra über die ersten Großburschlaer im Westen

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Wilhelm Gebhardt aus Wanfried über den Verkaufsschlager Südfrüchte

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Brücken, über die jahrzehntelang niemand gehen durfte; Straßen, die ein halbes Jahrhundert lang am Zaun endeten; es brauchte nur ein paar Tage in jenem Herbst, um die Verbindungen zwischen Osten und Westen wiederherzustellen.

Baumaschinen räumten am 13. November 1989 die ersten Pfosten und Gitter zwischen Großburschla und Heldra ab. Die Menschen in den drei Dörfern an der Werra warteten nur darauf. Blumen, Tränen, innige Umarmungen - das waren die ersten Begrüßungsgeschenke für die Menschen, die in größter Nähe so weit entfernt gelebt hatten.

Altenburschlas Ortsvorsteher Ulrich Flender arbeitete damals beim Bundesgrenzschutz und erinnert sich gut an das Glück von vor 25 Jahren.

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Altenburschlas Ortsvorsteher Ulrich Flender über die Grenzöffnung

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Die Orte an der Werra sind in den 25 Jahren seit 1989 zu einer Region zusammengewachsen. Zwar trennt eine Verwaltungsgrenze Hessen und Thüringen, etwa bei der Verteilung der Schüler oder der Zuweisung von Fördermitteln.

Zusammengewachsen sind Wanfried und Treffurt aber in den Beziehungen der Bürger, freilich auch in ihren Problemen: Wegzug von jüngeren Menschen, Verlust von Arbeitsplätzen, Überalterung. Die Herausforderungen sind typisch für kleine Orte an der Peripherie, selbst wenn sie wie hier in der Mitte Deutschlands liegen. Dennoch bleiben Heldra, Alten- und Großburschla speziell: Sie lagen früher in einem politischen und liegen heute in einem wirtschaftlichen Krisengebiet.

Die Grenze von einst ist verschwunden, doch Grenzen gibt es noch. Sie haben sich nur verschoben.

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Buffy & Micha: "Kleines Dorf"

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Wer nach Altenburschla kommt, hört eine Geschichte: Wie der Ort seinen Ruf als "Schlamperode" weghatte und Karl Montag ihn zum Schmuckstück an der Werra machte. "Als ich aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft kam, sagte ich mir, das Leben auf dem Land muss wieder lebenswert gemacht werden", erklärte Montag der Zeitung "Die Zeit", die 1985 groß über Altenburschla berichtete.

Der langjährige Bürgermeister und Ortsvorsteher trieb seine Nachbarn an, aus Altenburschla ein Fachwerkdorf wie im Bilderbuch und zum ersten Sieger im 1959 ausgerufenen Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" zu machen. Das war aber nicht der Grund, warum die große "Zeit" über das kleine Dorf berichtete. Denn Altenburschla war vor 1989 durchaus berühmt: ein wohlhabender Ort mit 500 Einwohnern und bis zu 20.000 Übernachtungen von Touristen pro Jahr. In Reisebussen kamen die Fremden aus allen Teilen der Bundesrepublik. Auch bedeutende Politiker waren dabei. Sie wollten die Grenze sehen.

Als eine Nachbarin Altenburschla schweren Herzens in Richtung Bremen verließ, nahmen zwei Musiker aus dem Ort, Buffy & Micha, ein Lied für sie auf: "Kleines Dorf".

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hessenschau am 17. November 1989 über Karl Montag (am Anfang des Beitrags mit dem damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke bei dessen Besuch in Altenburschla)

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Hunderttausende Grenztouristen kamen nach Altenburschla. Meist Mitglieder von Vereinen, die Karl Montag angesprochen hatte und die ihre Reise anderen weiterempfahlen. Das Bundesinnenministerium subventionierte jede Busfahrt und jede Übernachtung. Die Bürger von Altenburschla richteten noch in der letzten Kammer Unterkünfte ein, bis zu 140 Betten gab es am Ort.

Mit der Prognose, Altenburschla stehe auch ohne die Grenze als Attraktion vor goldenen Zeiten, irrte der Mann, der so vieles richtig gemacht hatte. Karl Montag starb im November 2012 im Alter von 92 Jahren.

Den Ortskern prägt vorbildlich hergerichtetes Fachwerk, doch einen Dorfladen sieht man nicht. Oder junge Leute. Weniger als 400 Menschen leben noch hier, fast jeder dritte ist über 65 Jahre alt.

Ortsvorsteher Flender trifft zwar Touristen beim Wandern, Radfahren und Kanufahren entlang der Werra. Aber er macht sich keine Illusionen. Was fehle, seien Arbeitsplätze und junge Familien - ein Problem in ganz Nordhessen.

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Heldra liege auf "Hessens letzten Quadratmetern", titelte das hr-fernsehen noch eine Woche vor der Grenzöffnung. Auf drei Seiten grenzte das Dorf direkt an die DDR. Das gab es nirgends sonst im Land. Doch Grenztouristen gab es hier nicht.

Dank Wander- und Radfahrwegen an der Werra hat Heldra heutzutage ein paar hundert Gäste im Jahr, so viele wie das Nachbardorf. "Für Altenburschla war die Grenzöffnung ein Rückschritt, was die Touristen angeht, für uns ein Vorteil", sagt Werner Jung vom Heimatverein Heldra.

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Manifestierte sich die Teilung im Grenzzaun, symbolisiert der Heldrastein die Wiedervereinigung: in Thüringen gelegen, nach einem Dorf in Hessen benannt, mit dem Turm der Deutschen Einheit auf seinem langgezogenen Rücken, wo bis 1989 die Stasi eine Abhöranlage betrieb.

An Weihnachten 1989 trafen sich Hessen und Thüringer auf dem 504 Meter hohen Berg. Hubert Steube, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Heldrastein, breitete damals seine Idee aus: "Ich habe anknüpfen wollen an die Geschichte und gefragt: Wollen wir einen Verein gründen, damit wieder Ausflügler aus der ganzen Region hierherkommen?" Hier trafen sich ab dem späten 19. Jahrhundert Arbeiter- und Gesangsvereine, feierte man große Bergturnfeste, verliebten sich junge Leute. Schon immer entstand etwas auf dem Heldrastein.

Die IG Heldrastein,  ein Verein mit Mitgliedern aus West und Ost, kaufte der Treuhand den Stasi-Turm ab und baute eine Ausflugshütte.

Aber viele Jugendliche haben kaum Kontakt zu Gleichaltrigen im anderen Bundesland, wie der 22-jährige Tim Lippold aus Altenburschla berichtet. Sie gehen nicht auf dieselben Schulen. Die Verwaltungsgrenze zwischen Hessen und Thüringen trennt sie noch ganz real im Alltag. Die meisten Wege in den Osten sei er einfach nicht gewohnt, sagt Tim.

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Christa Hosbach, ihre Tochter Christina und ihr Enkel Tim Lippold  über ihren Alltag zwischen West und Ost

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Mit zunehmendem Alter überwinden die Dorfbewohner die Grenze im Alltag. Wer Arbeit findet in der Region, nimmt sie, egal auf welcher Seite der Landesgrenze. Im Job treffen sich Hessen und Thüringer. Das Problem ist nur: Es gibt immer weniger Jobs in der Region.

In Wanfried und seinen Ortsteilen Altenburschla und Heldra waren es vor wenigen Jahren nur halb so viele wie noch Anfang der 1990er. Seitdem ist die Zahl leicht gestiegen. Bürgermeister Wilhelm Gebhardt setzt auf Tourismus, die Vermarktung von Fachwerkhäusern und  Freiberufler, für die der weite Weg zur Autobahn nicht täglich ins Gewicht fällt. Auch Gebhardts Treffurter Kollege Michael Reinz weiß, dass er junge Familien anlocken muss, damit Stadtteile wie Großburschla nicht aussterben. Noch seien Kitas, Ärzte und allerlei Einzelhandelsläden da, sagen beide. Noch.

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Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhardt weiß bis auf die letzte Ziffer genau, wie viele Stellen es in der 4.200-Einwohner-Stadt gibt: 730 - deutlich weniger als die 1.312 Arbeitsplätze zur Wendezeit, aber mehr als 655 wie noch vor ein paar Jahren. Zeitweise verlor die Kommune jedes Jahr 100 Einwohner, derzeit liegt das Minus bei 20 bis 30. Es gibt Zuzüge: meistens jedoch Menschen über 50, die sich eines der vielen und günstig zu erwerbenden Fachwerkhäuser zum Alterssitz ausbauen.

Im benachbarten Treffurt sieht man sich derzeit einem Bevölkerungsrückgang von 40 bis 50 Menschen im Jahr gegenüber. Eine heikle Entwicklung: Derzeit hat die Stadt rund 5.300 Einwohner. Sollte die Zahl unter die Marke von 5.000 fallen, gibt es deutlich weniger Zuschüsse vom Land und Kreis, wie Bürgermeister Michael Reinz erklärt. Deutlicher Rückgang auch bei den Industriearbeitsplätzen. Ein Beispiel: Die Zigarrenfirma Dannemann beschäftigte vor der Wende an die 1.000 Menschen in Treffurt. Heute sind es noch 40.

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Wilhelm Gebhardt über die Folgen der Wende für Wanfried

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Durchschlupf in den Westen:
Ein bisschen Grenzzaun haben sie in der Region stehen lassen, über der Agentenschleuse am Rand eines Wanderwegs, hoch oben an einem Hang. Durch die Röhre seien früher Stasi-Agenten in den Westen geschlüpft, heißt es. Diese Richtung nahm nach der Wende auch die Abwanderbewegung aus Thüringen. Inzwischen ist sie gebremst, weil Wanfried die gleichen Strukturprobleme wie Treffurt plagen und sogar eine viel höhere Verschuldung.

Unten im Tal steht an den Straßen ein Schild nach dem anderen, das auf die ehemalige Grenze hinweist, die hier mäanderte. Ob West, ob Ost - letztlich einerlei.

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Bedrohlich wird die Krise, wenn junge Leute abwandern. Und das tun viele, auch wenn sie sich ihrer Heimat an der Werra bemerkenswert verbunden fühlen.

Nachwuchs bei der Feuerwehr? Schwierig. Heldra hat noch einen Sportverein, aber der hat keine Mannschaften mehr, es waren einmal elf. Die in Großburschla schließen sich immer öfter denen in Altenburschla an, weil sonst keine Mannschaft mehr zusammenkäme. Zwar finden so Jugendliche aus West und Ost zueinander. Aber ohne Kinder stirbt jedes Dorf.

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Aus der politischen Krisenregion ist eine wirtschaftliche geworden. Anstelle einer geografischen Grenze verläuft heute eine demografische: Ältere Menschen halten es im schönen Werratal gut aus, doch die Jungen haben ganz gut mit der Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten zu tun.

Til Conrad aus Wanfried und Moritz Mangold aus dem benachbarten Frieda, beide 16, sind auf den Heldrastein hochgeradelt und halten sich die Welt offen. Tim Lippold hält mit 22 Jahren sein Dorf Altenburschla für die beste Wahl. Zu seinem Job bei der Bundespolizei in Eschwege kann er bequem pendeln. So soll es bleiben. "Aber wer weiß, ob es so kommt", sagt er.

Dann ist da noch Anna-Maria Bockel aus Heldra. Die 19-Jährige liebt die Ruhe ihres Dorfes so sehr, dass sie eine Dienstwohnung im schönen Mühlhausen in Thüringen ausschlug, wo sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert.

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Anna-Maria Bockel über ihr Dorf, das vielleicht stirbt

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Jedes Jahr schrumpfen Wanfried und Treffurt ein Stückchen mehr. Mit der Vermarktung ihrer schönen alten Fachwerkhäuser haben sich die Kommunen auch in den Niederlanden einen Namen gemacht. Tatsächlich kommen Neubürger, wenn auch nicht genug, um den Saldo zwischen Geburten und Todesfällen auszugleichen. Und: Wer zuzieht, ist meist über 50 und auf der Suche nach einem ruhigen Alterssitz, selten eine junge Familie, die Leben ins Dorf brächte.

Die Kommunalpolitiker strecken sich nach Kräften, um mit Kita-Plätzen, Arztpraxen, Supermärkten eine Infrastruktur zu erhalten, die den Städten und den dazugehörigen Dörfern ein Überleben ermöglicht. Nicht unwahrscheinlich ist aber dieses Szenario: Die einstige Todeszone an der Grenze verwandelt sich in eine Sterbezone.

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Rentner Manfred Heerwig formuliert seine Zukunftsaussichten

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Werner Jung und Helmut Steube darüber, was Heldra fehlt

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Buffy & Micha: "Good-bye, mach's gut - Altenburschla"

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Stolz stehen die alten Fachwerkhäuser am Straßenrand. Wer noch hier wohnt, stemmt sich dem Strukturwandel entgegen. Die Region setzt auf Tourismus und auf die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat. An schönen Wochenenden kann es Spätentschlossenen passieren, in Altenburschla und Umgebung kein freies Bett mehr zu bekommen. Die Wanderwege, die von der Teilung Deutschlands erzählen, ziehen durchaus Leute an. Im Sommer. Im Herbst. Vielleicht im Frühling.

Im Winter kommt kein Mensch. Skilaufen lässt es sich im Werratal schlecht. In Wanfried gibt es jetzt einen Indoor-Golfplatz für die, die im Winter in Schwung bleiben wollen. In der Halle strickten früher Hunderte von Arbeiterinnnen Damenmode für die Firma Bode.

Trotz der düsteren Zukunftsaussichten: Die Leute geben ihre Dörfer nicht so einfach her. Sie halten daran fest und zueinander, so wie sie früher die allgegenwärtige Grenze zusammengehalten hat.

Das Lied von Buffy & Micha, eine weitere Ode an das kleine Dorf, findet für die Verbundenheit der Einwohner mit Altenburschla den richtigen Ton.

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Fortgehen aus Großburschla?
Für Johannes Luhn ist das derzeit so wenig eine Option wie für den fast gleichaltrigen Tim Lippold vom gegenüber liegenden Ufer der Werra ein Abschied aus Altenburschla. Drei Jahre lang hat Johannes in Bad Hersfeld gewohnt, ein duales Studium zum Ingenieur absolviert. In der osthessischen Stadt arbeitet er nach wie vor, doch er zog zurück in sein Elternhaus. "Weil's mir hier besser gefällt und weil zu Hause Platz ist. Ich bin hier aufgewachsen und habe viele Freunde", sagt er.

Jetzt fährt er jeden Tag 50 Minuten lang mit seinem Auto zur Arbeit. Einfache Strecke. Jeden Abend bekommt er jetzt mit, was in Großburschla los ist. Aber wie lange sind die Abende für Berufspendler? Johannes ist 21 Jahre alt.

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Treffurts Bürgermeister Michael Reinz über die gemeinsame Region

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Wo zu Zeiten der innerdeutschen Grenze einzelne Menschen Gefahr liefen, getötet zu werden, sind heute ganze Dorfgemeinschaften in ihrer Existenz gefährdet. Auch wenn sich die Jüngeren in dieser Geschichte optimistischer zur Zukunft ihrer Heimatorte äußern als die Älteren: Sie müssen ihr Leben erst noch gestalten und ein Auskommen finden. Nicht leicht in der Peripherie. Daher liegt es nahe, dass viele von ihnen wegziehen.

Trotz dieser teils erst vor 25 Jahren gewonnenen Freiheit halten junge Leute in Altenburschla, Heldra und Großburschla an ihrer Heimat fest - wenn auch auf Widerruf. Falls sich eine Arbeitsstelle eben nur in der Ferne findet, werden sie überlegen müssen, ob sie von Heimatverbundenheit auch leben können. Ob sie in ihren Dörfern etwas Eigenes auf die Beine stellen können.

Für die Älteren ist das Festhalten am Dorf unwiderruflich. Sie bleiben bis zuletzt. Wenn sie weg sind, wird von den Dörfern nicht mehr viel da sein.

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Konzeption und Text: Stephan Loichinger

Fotos und Videos: Daniel Moßbrucker

Fotos Grenzzaun und Begrüßung an der Grenze: Sybille Weber/Stadtarchiv Eschwege; Foto Abriss Grenzzaun: Videostill aus hessenschau vom 13.11.1989

Video Grenzöffnung Großburschla: Karl Montag jr; Video Karl Montag: hessenschau vom 17.11.1989

Recherche: Stephan Loichinger und Julian Herbst

Vielen Dank an:
Elli Dingel für die Single "Kleines Dorf/Good-bye, mach's gut - Altenburschla" von Buffy & Micha
Karl Kollmann vom Stadtarchiv Eschwege
Markus und Thea Rohfeld mit ihren Enkeln Marissa, Bill und Leon für die filmreifen Trabi-Fahrten

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