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Bedrohtes Paradies

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Ein Besuch in der Halbwüste Karoo wirkt wie eine Reise in die Vergangenheit. Und doch soll dort etwas lagern, das Südafrikas Energie für die Zukunft sichern könnte: Gas. Nur wie hoch ist der Preis, den die Bewohner zahlen müssen, wenn es an die Oberfläche geholt wird?  

Eine Multimedia-Reportage von Kerstin Welter und Susanne Schramke (Fotos)


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Die Trockenregion im zentralen Teil von Südafrika umfasst insgesamt rund 400.000 km²  und ist damit knapp größer als Deutschland. Geologisch gesehen ist die Karoo von heute das unterste Stockwerk früherer Vulkane - eine einzigartige Formation aus Dolerit, Sandstein und 400 Millionen Jahre altem Schiefer. In der schier endlose Abfolge aus Bergketten und Tälern steigen die Temperaturen im Sommer über vierzig Grad und fallen im Winter deutlich unter Null.

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Was auf den ersten Blick trocken und unbelebt erscheint ist ein Hotspot der Biodiversität, denn die Karoo gehört zu den Gebieten mit der größten Artenvielfalt auf unserem Planeten. Teile davon sind in Nationalparks geschützt.  

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Auf jeden menschlichen Bewohner der Karoo kommen ungefähr acht Schafe oder Ziegen. Millionen der Tiere grasen auf den weiten Flächen, sie liefern den Südafrikanern die Hälfte des roten Fleisches im Land. Das 'Karoo Lamm' ist mittlerweile sogar eine geschützte Bezeichnung, so wie der Parmaschinken oder der französische Champagner. Und die Karoo hält auch warm: ein Drittel der Wolle für Südafrika und zwei Drittel des Mohairs für die gesamte Welt kommen aus dem Gebiet.


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Diese Idylle ist in Gefahr, sagt der Geologe und Energieexperte Stefan Cramer.

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Die Schafe könnten bald Konkurrenz durch Bohrtürme bekommen.  Denn seit einigen Jahren interessieren sich auch internationale Ölkonzerne für die Karoo. Sie würden gerne Anlagen wie diese im US-Bundesstaat Pennsylvania bauen, und die südafrikanische Regierung hat im Prinzip nichts dagegen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr der veralteten Kohlekraftwerke im Land ausfallen und zu wenig Strom zur Verfügung steht.

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Die Technik wird in den USA (und wie hier in Kanada) seit Jahren in großem Stil eingesetzt - allerdings sind ihre indirekten Auswirkungen auf die Umwelt hoch umstritten und die Langzeitfolgen noch wenig erforscht. Klar ist in jedem Fall: wo die Fracking-Industrie war, ist nichts mehr wie vorher.

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Das hat Stefan Cramer im Weld County im US-amerikanischen Colorado dokumentiert: Aus der Luft lässt sich der Weg der Anlagen von Bohrloch zu Bohrloch klar nachvollziehen. Die mobile technische Infrastruktur der Gasgewinnung hinterlässt Spuren, die das Gesicht der Karoo für immer verändern würden.

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Eine große Gefahr sieht Cramer für das Grundwasser. Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass der giftige Chemikalien-Mix aus den Gesteinsschichten wieder an die Oberfläche kommt und auf dem Weg dorthin das Wasser vergiftet. Zudem kann es auch im laufenden Betrieb zu Havarien kommen, wie hier im US-Bundessstaat Oklahoma.


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Mit seiner Frau Erika Hauf-Cramer hat er sich deshalb Aufklärung zur Aufgabe gemacht. Beide haben ihr Berufsleben in der kirchlichen und nicht-kirchlichen Entwicklungsarbeit verbracht, sie verstehen sich als Christen, Umweltschützer und Vermittler. Der Geologe Stefan Cramer soll im Auftrag des Umweltinstituts der südafrikanischen Glaubensgemeinschaften möglichst viele Karoobewohner über Fracking und seine Folgen aufklären, und dabei die Rolle der Kirchen als Meinungsführer nutzen bzw. ausbauen. Wichtig ist ihm dabei aber vor allem, den betroffenen Menschen die Informationen zu geben, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten.




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Südafrikas Apartheid-Vergangenheit ist in den Siedlungen der Karoo - wie hier Graaff-Reinet - noch besonders deutlich zu sehen. Die weiße Bevölkerung lebt mehrheitlich im 'grünen' Zentrum, an den Rändern liegen die Townships der Bürger mit dunklerer Haut (gestrichelt umrandet). Die sozialen Unterschiede machen sich die Ölgesellschaften zunutze. Sie werben gezielt in den Townships um Unterstützung für ihre Fracking-Pläne.


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Die Bewohner des Townships Umasizakhe sind vorwiegend schwarz. Die Häuser bestehen selten aus mehr als einem Raum, darin wohnen allerdings bis zu 10 Menschen. Der Großteil von ihnen ist arbeitslos und die Jobs, die zu haben sind, schlecht bezahlt. Als Hausangestellte, Gärtner oder Landarbeiter gibt es im Schnitt umgerechnet 250 Euro im Monat. Kinder, die hier aufwachsen, haben extrem schlechte Chancen für einen Aufstieg. Dementsprechend verlockend erscheinen die Versprechungen der Ölgesellschaften, durch das Fracking Hunderttausende Arbeitsplätze in die Region zu bringen.  


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Xolile Galada ist 26 und hat es bis zum Abitur geschafft. Jetzt arbeitet er für die staatliche Eisenbahngesellschaft, hat zwei Kinder und will seine Freundin bald heiraten. Er macht sich viele Gedanken, wie sich die Armut um ihn herum lindern lässt. Fracking erschien ihm als die perfekte Lösung. Doch je länger er darüber nachdenkt, umso mehr zweifelt er.


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Eine andere wichtige Zielgruppe für die PR-Strategen der Ölkonzerne: Farmarbeiter, die auf ein besseres Leben hoffen. Das Land in der Karoo ist fast ausschließlich im Privatbesitz, viele Farmen umfassen mehrere tausend Hektar Land. Die Arbeiter und ihre Familien wohnen meist auf dem Gelände, sie sind von den Großbauern abhängig und werden oft ausgebeutet.

Elias und Gladys Rens hatten Glück. Seit einiger Zeit bewirtschaften sie ein kleines Stück Land als Garten - der Farmer hat es ihnen überlassen. Sie sehen sich jetzt als Bauern und wollen das auch bleiben. Sie sind sich sicher: "Wenn das Fracking kommt und der Boden zerstört wird, muss nicht nur der Farmer aufgeben, auch wir müssen gehen. Aber wohin? Wir gehören hierher."

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Alles Leben in der Karoo ist vom Wasser abhängig. Wasser, das sehr rar ist und das man immer schon mühsam an die Oberfläche holen musste. Die meisten Städte und Dörfer der Karoo könnten ohne Grundwasser nicht überleben. Windmühlen wie diese prägen das Landschaftsbild. Sie pumpen das Wasser hoch und füllen kleine Speicher oder Tanks. Bauer Elias weiß,  wie wertvoll es ist.

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Einst bewohnten die Khoi und die San die weiten Ebenen der Karoo. Bei uns sind sie als Buschmänner bekannt. Daantjie Japhta ist Schulleiter und war jahrelang der Bürgermeister von Graaff-Reinet.

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Er gehört eigentlich der Regierungspartei ANC an, aber im Konflikt um das Fracking steht er auf der Seite der Natur und seines Stammes, der Khoi. Er ist aktiv im lokalen Widerstand, geht zu allen Informationsveranstaltungen und stellt z.B. Shell kritische Fragen, wenn dessen Vertreter wieder und wieder beteuern, dass beim Fracking schon nichts schiefgehen werde.


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Menschen wie Daantjie Japhta will auch Stefan Cramer im Auftrag der Glaubensgemeinschaften Südafrikas unterstützen. Dazu veranstaltet er Seminare mit sogenannten 'field trips'.


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Cramer will Wissenschaft begreifbar machen - mit allen Sinnen. In seinen Seminaren nimmt er die Teilnehmer zuerst mit in die Natur. Hier sind es Kleinbauern und Landarbeiter, die in der Karoo aufgewachsen sind und trotzdem erst mit Hämmerchen und Lupe erkennen lernen, was in ihr steckt.
Jeder Stein klingt anders, und doch sind es immer dieselben, auf die man in der Karoo stößt: Schiefer, Sandstein und Dolerit. Stefan Cramer erklärt das gerne immer wieder.

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In der Schieferschicht der Karoo lagert das Gas - entstanden aus organischem Material, das hier einst in Schlammströmen eingeschlossen wurde und sich über die Jahrhunderte zersetzt hat. Der Dolerit ist das besondere Kennzeichen der Region: ein Magmagestein, das die Karoo durchzieht und gleichzeitig ihr Schutzstein. Der harte Dolerit auf den Bergkuppen schützt sie vor Abtragung und wo ein Doleritgang verläuft, ist in der Regel auch Wasser zu finden.

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Mit einem einfachen Salzsäuretest wird klar: hier ist Kalk auf dem Gestein. Und wo Kalk ist, war einmal Wasser. Niemand kann garantieren, dass Grundwasser diese Wege nicht wieder nutzt, um an die Oberfläche zu gelangen. Behauptungen von Industrievertretern, dass das Wasser der Karoo "sicher" nicht verschmutzt würde, hält Geologe Cramer für wissenschaftlich nicht haltbar.


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Neville van Roi ist ein junger, ambitionierter Kleinbauer und überzeugt gegen das Fracking in seiner Heimat. Er wird die Botschaft in seine Community, also seine Gemeinschaft, weitertragen. Wie er selbst auch, haben sie alle ihre familiären Wurzeln bei den ersten Siedlern, den Khoi und den San. Eine Tatsache, auf die Neville stolz ist - und auf der zugleich ein seit langem schwelender Konflikt in der Karoo beruht. Wem gehört das Land eigentlich rechtmäßig?


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Bisher mischen sich die verschiedenen Bevölkerungsteile noch sehr spärlich bei den Veranstaltungen, die Stefan Cramer anbietet. Doch die ersten Anfragen von weißen Großbauern, an den sogenannten 'field trips' für die Kleinbauern teilzunehmen, kamen schon. Sie sind gut organisiert und haben schon rechtliche Schritte angekündigt, sollten die ersten Probebohrungen nach Gas beginnen.

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Das Engagement der weißen Fracking-Gegner ist gut sichtbar - aber Umweltschutz muss man sich auch leisten können. Die Mehrheit der Karoo Bewohner hat andere Sorgen: woher soll das Essen auf den Tisch kommen? Wer bietet einen Arbeitsplatz? Und womit sollen die Schulhefte der Kinder bezahlt werden? Die Informationslücke zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich ist riesig und wird sich von selbst nicht schließen, befürchtet Stefan Cramer.

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Stefan Cramer und seine Frau Erika setzen sich deswegen nicht nur für den Umweltschutz ein, sondern versuchen auch, eine nachhaltige Entwicklung in der Karoo anzustoßen. Gegen Fracking zu sein allein reicht da nicht aus, es müssen Alternativen her, von denen alle Bewohner profitieren können. Erneuerbare Energien könnten dabei eine große Rolle spielen, schließlich gehören Wind und Sonne genauso zu der Region wie ihre weiten Felder. Mit dieser Schlussfolgerung entlassen die Cramers ihre Seminarteilnehmer. Aus vielen kleinen Bewegungen wird so am Ende vielleicht der Ruck, der nötig ist, um die Karoo nicht der Gier nach Gas zu opfern.

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Mit Texten und Audios von Kerstin Welter und Bildern von Susanne Schramke (www.susanneschramke.com)
sowie von Stefan Cramer, dpa picture alliance und Colourbox.
Musik: Kirchenlieder aus der Uniting Reformed Church in Nieu-Bethesda.

Redaktion: Alexandra Müller-Schmieg

Eine Produktion von hr-online und hr2-kultur.

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Übersicht

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Kapitel 1 Die Karoo

Landschaft mg 1229

Schildkroete mg 1202

Fracking

 mg 1051
Kapitel 2 Die Karoo ist in Gefahr

Cramer mg 2035

Dpa frackinganlage 38055307

Fracking typo cb

Danger dpa39886505
Kapitel 3 Die Betroffenen

 mg 1108 rot

Twonship neu mg 1635

Xolile mg 1578

Klip baeuerin mg 1728
Kapitel 4 Die Grassroot-Aktivisten

Seminar innen mg 1898

Seminar totale mg 1942

Seminar lupr mg 1908

Pipette mg 2154
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